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andrea ciantar

Aufgewachsen beiderseits der Grenze

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Aufgewachsen beiderseits der Grenze





Arturo Simeone im Interview mit Livia Paci und Andrea Ciantar 1



Wer ist Arturo heute?

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Seit er drei Monate alt war, lebte Arturo in Frankreich. Bis zu seinem 14. Lebensjahr ging er auf eine französische Schule in Modane, dann besuchte er ein italienisches Lyzeum in Bordighera. An jedem Morgen nahm er, gemeinsam mit anderen dreißig Kameraden, die wie er Italiener waren, einen Sonderzug, um nach Italien zur Schule zu fahren. In dieser Zeit erlitt er eine Identitätskrise, da er sich von seinen Kameraden weder als Italiener noch als Franzose anerkannt fühlte.
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Mit 18 Jahren kehrte er mit seiner Familie nach Italien zurück, um dort zu leben. Heute, im Alter von 36 Jahren, arbeitet er als Versicherungsagent. Seine im Ausland verbrachten Jahre haben in ihm eine größere Bereitschaft zum Zuhören und zum Dialog geschaffen. Diese seine ausgeprägte Aufmerksamkeit gegenüber den Bedürfnissen anderer erwies sich auch in seiner Arbeit als nützlich, um die Wünsche seiner Kunden besser zu verstehen.




Wir besaßen keine richtige Identität.
In Frankreich betrachtete man uns als italienische Einwanderer, auch wenn wir das nicht waren, da unsere Eltern ja für den italienischen Staat arbeiteten. In Italien dagegen wurden wir, jedes Mal wenn wir dorthin kamen, als Franzosen angesehen, die Italien besuchten. Für unsere Kameraden aus Bardonecchia waren wir Franzosen, wegen unseres Akzents und der Fehler, die wir im Italienischen machten.
Solange Europa aus einfachen Staaten bestand, die auf einer geografischen Karte verzeichnet waren, betrachtete man uns in Frankreich als Italiener und in Italien als Franzosen. Die Geburt eines Staates Europa hat uns endlich eine Identität gewährt, die die beiden vorausgehenden Identitäten in sich vereinigt.



Warum bist Du als kleines Kind nach Frankreich ausgewandert?

Ich wurde in Rom geboren, und im Alter von drei Monaten brachte mich mein Vater nach Frankreich, weil er dort als Zollbeamter arbeiten wollte. Die italienische Zollstation war in Ventimiglia, während sich die französische in Modane befand. Bis zum Alter von 14 Jahren habe ich meine gesamte Ausbildung in Frankreich erlebt. Ich besuchte eine doppelte Schule: tagsüber die französische, und am Abend besondere Kurse von dreistündiger Dauer, die der italienische Staat für die Kinder der Auswanderer organisierte.
Als ich 14 Jahre alt war, beschloss mein Vater, mich auf eine italienische Oberschule zu schicken. Zusammen mit 30 anderen Kameraden musste ich jeden Tag die Grenze überqueren. Gegen 7 Uhr morgens ging es los. Wir nahmen einen besonderen Zug, der eigens für uns Italiener eingesetzt wurde, um uns tagsüber den Schulbesuch in Italien, in Bardonecchia oder in Ulzio, zu ermöglichen. Eine Kontrolle der Ausweise gab es nur in Zeiten, in denen die politische Lage gespannt war, oder immer dann, wenn die Zollbeamten ausgetauscht wurden. Die Beamten kannten uns jetzt ja schon, da sie uns zweimal am Tag die Grenze passieren sahen.


Wie sahst Du Dich in diesem Abschnitt Deiner Jugend selbst? Fühltest Du Dich mehr als Italiener oder als Franzose?

Wir besaßen keine genau bestimmte Identität. In Frankreich betrachtete man uns als italienische Einwanderer, auch wenn wir das nicht waren, weil unsere Eltern für den italienischen Staat arbeiteten. Wenn wir dagegen nach Italien fuhren, galten wir als Franzosen, die Italien besuchten. Für unsere Kameraden aus Bardonecchia waren wir Franzosen, wegen unseres Akzents und wegen der Fehler, die wir im Italienischen machten. In der Tat benützten wir häufig Wendungen, die aus dem Französischen stammten. Wir hatten auch Probleme mit der Schriftsprache, weil die Kurse in Frankreich mit jeweils nur 2 – 3 Stunden Unterricht pro Abend nicht ausgereicht hatten, uns eine gute Vorbereitung im Italienischen zu vermitteln. So wurde der Beginn des ersten Jahres der Oberschule auf den September verschoben. Meine Lehrerin sagte mir: „Deine Leistungen reichen aus, aber im Italienischen stelle ich Dich bis September zurück, um Dir zu helfen, die italienische Sprache vollständig zu lernen.“



Wie verbindest Du diese Deine in der Vergangenheit gemachte Erfahrung mit dem neuen Gefühl, das sich aus der europäischen Vereinigung ergibt?

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Solange Europa aus einfachen Staaten bestand, die auf einer geografischen Karte verzeichnet waren, betrachtete man uns in Frankreich als Italiener und in Italien als Franzosen. Die Geburt eines Staates Europa hat uns endlich eine Identität gewährt, die die beiden vorausgehenden Identitäten in sich vereinigt.




Seitdem es das Vereinte Europa gibt, hast Du also endlich sagen können: “Ich bin ein Europäer.”

Richtig, auch wenn dieses Gefühl, sich nicht mehr als Italiener oder als Franzose zu fühlen, von den anderen geschaffen worden ist. Solange wir noch jung waren, hatten wir es jedoch mit lästigen Unannehmlichkeiten zu tun. Es gab einen dauernden Kampf um die Anerkennung unserer Identität.
Wir waren gezwungen, jedes Mal zu wiederholen: Ich bin Italiener, weil ich nicht in Frankreich, sondern in Italien geboren wurde und weil mein Vater für den italienischen Staat arbeitet.....
Ein Junge, der in Italien lebt, hat diese Probleme nicht. Sogar anlässlich mancher Fußballspiele Italien gegen Frankreich sagten die Italiener, wir seien für Frankreich, und die Franzosen meinten, wir seien für Italien.



Aber für wen schlug denn Euer Fanherz?

Für Italien!



Wie hat Dein Vater diese Erfahrung erlebt, in einem fremden Land zu arbeiten?
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Für meinen Vater war die Sache ganz anders. Er war schon 35 Jahre alt, als er loszog, um im Ausland zu arbeiten, also hat er stärker unter der Trennung von Italien gelitten. Für mich dagegen war es etwas ganz natürliches, in Frankreich aufzuwachsen. Ein Jugendlicher passt sich leichter an eine neue Umgebung an. Ich habe also jenes Gefühl eines übertriebenen Nationalgefühls nicht gehabt, das die italienischen Arbeitnehmer im Ausland hatten, wenn sie erst als Erwachsene dorthin gekommen waren.


Meine Eltern hatten einen großen Teil ihres Lebens in Italien verbracht. Für sie war es nicht leicht, mit dieser doppelten Zugehörigkeit zu leben. Es war schwierig für sie, zur gleichen Zeit zwei Sprachen benutzen zu müssen. Meine Mutter lebte in ihrer Umgebung unter lauter Italienern, unser Wohnviertel war wie ein Italien im kleinen. Mein Vater indes hat sich, da er für Italien arbeitete, nie als richtiger Emigrant gefühlt. Die richtigen Auswanderer waren die anderen Italiener, die für die französischen Firmen arbeiteten. In diesen Menschen blieb das Empfinden der Zugehörigkeit zu Italien stärker verwurzelt.
Ein italienischer Auswanderer wird im Ausland tatsächlich nationalistischer als der Italiener. Von seinem heimatlichen Umfeld getrennt, fühlt er sich ungeschützt in dem neuen Land, das ihm häufig feindselig erscheint. Nicht alle schaffen es, das Hindernis der sprachlichen und kulturellen Mauer in einem neuen Land zu überwinden. Daher schließen sie sich ein und bleiben im beschränkten Kreis ihrer eigenen Landsleute unter sich.




Welche Elemente Deines europäischen Bewusstseins stechen besonders hervor?


Wenn ich heute nach Frankreich zurückkehre, dann denke ich nicht, dass ich ins Ausland fahre. Für mich ist das so, als wäre es mein zweites Haus. Dort finde ich meine Jugendfreunde wieder. Ich glaube, dass ich nach diesen meinen Erfahrungen eine offenere Mentalität bekommen habe. In Frankreich lebten Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammen, und da wir zusammen lebten, habe ich am Ende die Unterschiede unter den Nationalitäten nicht mehr wahrgenommen.

Diese Unterschiede schwächen sich in der Tat ab, wenn ein erster Aufprall von Misstrauen und Neigung, sich abzuschließen, vorüber ist. Bei meinen italienischen Altersgenossen finde ich dagegen eine viel stärker betonte Neigung, sich abzuschotten. Ich lebe jetzt in einem kleinen Dorf mit 3000 Einwohnern (San Vittore in der Provinz von Frosinone), und wenn da ein Fremder vorbeikommt, zeigt man sofort mit dem Finger auf ihn und hält sich von ihm fern, sogar dann, wenn es sich um einen ausgewanderten Italiener handelt, der seine Verwandten besucht.
Daher wünsche ich mir, dass meine Kinder eine Zeitlang ins Ausland gehen und dort studieren können, um die gleiche geistige Offenheit im Umgang mit Personen verschiedener Kulturen zu erwerben, wie ich sie erworben habe.



Denkst Du, dass Deine Kinder eine ähnliche Erfahrung wie Du erleben würden, wenn sie zum Studium ins Ausland gingen?
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Nein, ich glaube, dass es heute etwas ganz anderes ist, wenn man ins Ausland geht. Bis vor dreißig Jahren emigrierte man, um überleben zu können. Jetzt gibt es keine Zollschranken mehr, sondern die Einheitswährung.
Die eigenen Kinder zum Studium ins Ausland zu schicken, ist heute eine Frage der Kultur geworden. Wenn die jungen Leute losziehen, sind sie immer gut geschützt von ihren Eltern, und oft läuft die Reise darauf hinaus, zu vergnüglichen Ferien mit anderen Studenten zu werden. Unsere Kinder werden nie die tatsächlichen Schwierigkeiten eines Emigranten der Dreißiger oder Sechziger Jahre begreifen können, der mit nichts als seinem Pappkarton auf dem Rücken loszog.
Und die Erwachsenen reisen hauptsächlich als Touristen, um Orte und Denkmäler zu sehen. Sie haben gar keine Zeit dafür, die Menschen kennen zulernen und deren mit dem Wohnort verbundene Gebräuche in sich aufzunehmen. Der Tourist muss sich nicht anstrengen, sich an die Sitten der Menschen in einem anderen Land anzupassen, um von ihnen akzeptiert zu werden.


Wie verbindest Du Deine Erfahrung eines Lebens im Ausland mit der Deiner derzeitigen Arbeit?
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Während meines Aufenthalts in Frankreich war ich in einem Alter, in dem man noch lernt, und das hat mich gelehrt, die Dinge auch aus der Sicht der Anderen zu betrachten. Das hilft mir sehr in meiner derzeitigen Arbeit als Versicherungsagent.
In meinem Beruf ist das Wichtigste zu begreifen, wen man vor sich hat – nur so kann man ihm ein Produkt verkaufen. Dieselbe Police muss auf die speziellen Bedürfnisse eines jeden Versicherten jeweils gesondert zugeschnitten werden.
Wenn Kunden in die Agentur einer Versicherung kommen, ähneln sie unter manchen Gesichtspunkten den Menschen, die in ein für sie feindseliges Land ausgewandert sind: Sie versuchen größtmöglichen Widerstand zu leisten, um nicht ein neues Produkt kaufen zu müssen.
Daher führt der Agent seine Verkaufsgespräche oft im Haus der Kunden durch, wo sich der Kunde viel entspannter unterhält, da er sich von seiner gewohnten Umgebung geschützt fühlt.


Also müssen wir andere Waggons an den europäischen Zug anhängen?

Meiner Ansicht nach existiert ein richtiges europäisches Bewusstsein noch nicht. Man wird andere Waggons an den europäischen Zug anhängen müssen, um alle begreifen zu lassen, dass sie ihr eigenes Land auch ein wenig wie das der anderen betrachten müssen.
Das Europa der Menschen sehe ich in der Hand der jungen Leute, die im Ausland lernen, die in den anderen europäischen Staaten eine Universität besuchen. Dieses neue Kapitel der Geschichte muss schon bei den Kindern und Jugendlichen im Schulalter beginnen. Einem Erwachsenen, der immer als Franzose oder als Italiener gelebt hat, kann man schwer sagen „Wir sind jetzt alle zusammen“.
Auch im Sport führt man ja weiterhin Wettkämpfe Frankreich gegen Italien, Italien gegen Deutschland durch. Stattdessen müsste man eine europäische Mannschaft bilden. Bei Weltmeisterschaften müssten die Athleten unter der Fahne der europäischen Union antreten.

1. An der Bearbeitung des Textes waren Filippo Cortesi und Antonella di Renzo beteiligt.

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